6. Timothy Stahl - Der Herr der Wölfe

Woelfe 6Der New One ist also tot. Nach dem letzten Band gestorben, getötet von Vanderburgh, der sich zum neuen Herrn der Wölfe aufschwingt. Die zweite Zeit mit dem neuen Herrn Tyrone Vanderburgh droht sich an und der neue Herr der Wölfe verfolgt seine eigenen finsteren Pläne.

Die wir zu einem guten Teil schon kennen gelernt haben, wie sich schnell herausstellt. Anhand von zwei unabhängigen LKW-Fahrern, die durch die USA reisen, einer davon sogar ein deutscher Auswanderer, erfahren wir einiges über die Absichten des Herrschers der Werwölfe. In Band 4 haben wir bereits die manipulierten Wesen kennen gelernt, die ein skrupelloser Forscher in eine Armee von Wolfssoldaten verwandeln wollte. Was aus diesen Wölfen geworden ist, erfahren wir nun. Sie sind im Anhänger eines LKWs, in den einer der beiden Fahrer neugierig hineinschaut. Das bereut er aber sehr schnell, als sich der Schatten auf ihn wirft, das Monster, das ihn ohne Gnade vernichtet.

Und sein Kollege, der vor dem Truck steht und so schnell, wie möglich, weg will, merkt sofort, was passiert ist. Aber er schafft es nicht mehr, zu entfliehen. Und damit gibt es bereits zwei Opfer.

Was übrig bleibt, ist ein düsterer Schauplatz in der Wüste, an dem sich die manipulierten Wölfe sammeln. Nun sind sie dazu verdammt, einem neuen Herrn zu gehorchen. Und dieser Herr ist dabei, eine Art von Ritus zu initiieren, der eine Art von Taufe beinhaltet. Die Lichtorgie, die über die Gruppe der Wölfe hereinbricht, fordert ihnen einiges ab. Aber alle heißen sie willkommen als Taufe für eine neue Zeit.

Und der heimliche Zuschauer verspürt mehr und mehr das Bedürfnis, einfach mitzumachen. Auch er ist ein Wolf. Er spürt die Ausstrahlung des neuen Herrn der Wölfe, er spürt die Bedeutung des Augenblicks und hält sich doch zurück. Jedenfalls so lange, bis er die Hand, die zu einer Klaue geworden ist, an seinem Hals spürt. Dann reagiert er endlich und folgt dem Druck der Hand, bis er vor dem Herrn der Wölfe steht.

Tyrone Vanderburgh überlegt sich nur kurz, was er mit dem Neuankömmling macht. Er gibt ihm eine Chance, ohne zu ahnen, dass der junge Mann für einen anderen aus der Gruppe durchaus kein unbekannter ist. Peter, so der Name des jungen Werwolfs, ist der Sohn von Nick Norris, der bereits in Band 4 einen kurzen Blick in sein Seelenleben erlaubte. Er äußerte sich dort so, dass er gerne für den Sohn ein Vater gewesen wäre, dies aber niemals sein konnte, weil er von dem Wissenschaftler entführt worden war. Und so musste der Sohn selbst sehen, wie er mit seiner wölfischen Seele klar kam. Als er Tyrone gegenüber steht, glaubt er, seine Bestimmung zu erkennen. Tyrone gibt ihm die Chance und gemeinsam brechen sie auf in Richtung einer nahe gelegenen Stadt, in der sich Vanderburgh daran machen will, seine Pläne endlich zu verwirklichen.

Und noch andere alte Bekannte aus Band 4 tauchen wieder auf. Der Orden der weisen Wölfe ist es, der von Morgan in eine andere Welt versetzt wurde. Diese Welt ist der Friedhof der Wölfe, jener mythische Ort, der nicht wirklich real war, bis der letzte der Old Ones gestorben war. Und sie sind nicht gut auf Morgan zu sprechen, weil er ihnen die Möglichkeit nahm, in den Ablauf der Zeit einzugreifen. Drei sind übrig, neben Hersir die junge Rana und der alte Leidolf. Benannt sind sie nach Namen aus der nordischen Mythologie, nach denen offensichtlich auch ein sehr alter Vorfahr benannt ist, nämlich Fenrir. Eine hochinteressante Verbindung, um das am Rande anzumerken.

Sie sehen plötzlich den verhassten Morgan auf sich zukommen und stellen fest, dass er kein Wolf mehr ist. Leidolf vor allem hasst ihn besonders und kann sich kaum zurückhalten. Aber dann macht Morgan einen ungeheuren Vorschlag. Zunächst führt er sie zur Leiche des New One, dann macht er ihnen klar, dass es noch eine Möglichkeit gibt, den Toten zu retten. Und er übergibt den drei Wölfen magische Waffen, die aus den Knochen eines Wesens geschaffen wurden. Er hat diese Waffen in der Zukunft angefertigt und die Knochen, um die es geht, sind die Knochen des Knochenschmiedes. Der natürlich noch nicht weiß, dass das Verhängnis auf dem Weg zu ihm ist.

Der Kampf gegen den Knochenschmied ist durchaus mörderisch und Hersir übersteht ihn nicht. Er ist der erste, der von der Knochenwaffe, die er gerade noch in den Knochenschmied schlug, getroffen wird. Sein Schädel wird gespalten.

Rana wird von ihm zur Seite geschleudert. Und Leidolf kann ihn lange genug aufhalten, um Rana die Möglichkeit zu geben, wieder aufzustehen und in den Rücken des Wesens zu gelangen. Er wird von der Waffe erneut getroffen.

Wesentlicher Sinn des Kampfes ist das Herz, das in der Brust des Knochenschmieds schlägt. Er wurde zwar nicht näher geschildert (im Roman schon, nicht aber in der Zusammenfassung des fünften Bandes), aber dieser Knochenschmied ist ein ziemlich unheimlich aussehendes Wesen. Er sieht aus, wie eine verweste Leiche, die noch aufrecht geht. Und so ist es nicht verwunderlich, dass in einem Loch in seiner Brust ein besonderes Herz zu sehen ist. Es schlägt erst seit kurzem, seit der Knochenschmied es im Fluss der Zeit wieder zum Leben erweckte.

Das Herz gehört nicht dem Knochenschmied, es ist ein Organ aus dem Leib des ersten Werwolfs. Und dieses Herz muss der Knochenschmied beschützen.

Dies gelingt nur unvollkommen. Er landet ausgerechnet im Fluss der Zeit, zusammen mit Rana, die sich im letzten Augenblick an ihn klammern kann und ihm im Wasser das Herz aus dem Leib reist. Leidolf ist neben dem Fluss und rennt, so schnell er kann, damit er die beiden Körper nicht aus dem Blick verliert. Der Knochenschmied wird von den aggressiven Wasssern aufgelöst, als liege er in Säure. Auch Rana altert blitzschnell in dem Wasser des Flusses, das Herz umklammert. Mit letzter Kraft wirft sie das Herz, aber zu kurz, Leidolf muss ebenfalls ins Wasser. Gealtert, aber im letzen Augenblick das Herz doch noch erreichend, kann Leidolf den Fluss der Zeit verlassen. Das Herz aber scheint erkaltet, ist zu Stein geworden. Dem Zustand, den es hatte, bevor es vom Knochenschmied in den Fluten erweckt wurde. Und die Knochen des Schmieds wurden ans Ufer gespült, wo sie von jemandem aufgenommen wurden, der Waffen aus diesen Knochen fertigte. Und damit schloss sich wieder ein Kreis.

Tyrone hat sich inzwischen sein Opfer herausgesucht und es gestellt. Es handelt sich um eine junge Frau namens Catherine Chance. Tochter eines Kongressabgeordneten, liegt vor ihr eine viel versprechende Karriere. Und ihr Vater ist überzeugt, dass diese nicht nur in den Kongress, sondern sogar ins Weise Haus führen wird. Als erste Frau wird sie Präsidentin.

Was eine Vision des Vanderburgh zu Anfang von Band 6 in einem neuen Licht erscheinen lässt. Der Tag, an dem sie gewählt wird, soll sein großer Tag werden. Er stellt die junge Frau, als sie gerade von einer Wahlveranstaltung zurückkehrt, in ihrem Garten und verletzt sie mit seinem Wolfsbiss schwer. Die junge Frau stirbt nicht, sie erwacht als Wolf neu und er setzt sie immer wieder unter Schlafmittel, damit sie sich in Ruhe entwickeln kann.

Das lässt einen doch an eine Erzählung denken, die aus Band 5 stammt. Dort schilderte die junge Rowenna, was mit ihr nach dem Biss durch den Werwolf geschah. Sie erwachte und fand sich an ein Bett gefesselt, wurde unter Beruhigungsmittel gesetzt. Offensichtlich war da der gleiche zugange. Und wirklich. Rowenna taucht plötzlich an der Seite des Herren der Wölfe wieder auf. Als sein willfähriges Werkzeug.

Offensichtlich hatte der New One in dieser Geschichte wirklich keinen Freund.

Außer den weisen Wölfen und Morgan …

Und dieser übernimmt nun den Stein aus den Händen des enttäuschten Leidolf, dem immer noch nicht klar ist, dass der Stein nur ein Behälter ist, indem sich das Herz des First One befindet. Morgan kann in einem Ritus dieses Herz wieder zum Leben erwecken. Entscheidend hierfür sind zwei Dinge: Erstens hat der Dark One Tyrone Vanderburgh das Herz aus dem Körper des New One gerissen. Angenehmerweise ist deshalb Platz für dieses Herz. Und zweitens gab es bei der Initiation des neuen Herrschers eine kleine Panne. Brandon war den Weg gegangen. Fast bis ans Ende. Nur die letzte Platte des Wegs hatte er nicht erreicht. Und damit war auch der Geist des Last One noch nicht auf ihn übergegangen. Dieser Geist übernimmt nun die Aufgabe des Katalysators und erweckt das Herz und den toten Brandon wieder zum Leben.

Und da taucht Rowena auf und gesteht Brandon, dass sie ihn eigentlich verraten hat. Allerdings widerwillig. Deshalb will sie sich nun an dem Dark One rächen. Das kann nur an einem Ort geschehen, nämlich dem Grab des First One, wo ein Totsprechritus der besonderen Art eingemeißelt ist. Ein Ritus, der den Mensch tötet, nicht aber den Wolf …

Nick kann seinem Sohn klar machen, was hier vorgeht. Und er schickt ihn los, um das Richtige zu tun. Das bezahlt er aber mit seinem Leben. Nur die Hoffnung bleibt ihm, als er von dem Dark One zerrissen wird. Das Rudel der Wölfe um Vanderburgh jagt nun seinen Sohn. Unter ihnen ist auch Catherine, die sich ausgebeten hat, an dieser Jagd teilzunehmen. Und sie erreichen jene Farm, in denen damals die weisen Wölfe warteten und an den Ort des Friedhofs geschickt wurden. Dort kommt es zum Showdown zwischen dem Rudel und Peter. Morgan, Leidolf, Rowena und Brandon sind bereits auf dem Weg zum Grab des First One, als sie die Kampfgeräusche hören. Und Morgan und Leidolf kehren zurück zur Farm, wo nicht nur Peter um sein Leben kämpft, sondern auch Catherine, die sich reichlich überraschend auf die Seite Peters stellte. Sie verschanzen sich im Inneren der Farm, wo sie Waffen finden, die sie gegen die Angreifer einsetzen. Dann tauchen auch noch Morgan und Leidolf auf und helfen ihnen gegen das Rudel der Wölfe. Aber Leidolf bezahlt den Kampf mit dem Leben, während der menschliche Morgan mit seinen Waffen, die nun auch er einsetzt, den letzten des Wolfsrudels töten kann.

Übrig bleiben Rowena und Brandon, die auf das Grab zu laufen. Und magische Worte aus dem Mund des Dark One lassen eine Kluft entstehen, die bodenlos erscheint und in die Brandon stürzt. Rowena zeigt nun ihr wahres Gesicht und die Ereignisse überschlagen sich. Ihm wird klar, dass sie ihn verraten hat, und zwar die ganze Zeit über. Nicht Tyrone hat ihren Vater erschossen, sie selbst war es. Und sie war auch die ganze Zeit auf der Seite des Dark One. Als der Schuss fällt, der ihrem Leben ein Ende macht und ihr Leichnam an ihm vorbei in die bodenlose Kluft stürzt, kann er nicht einmal trauern, denn ihm wird klar, dass er sich von der echten Rowena schon lange vorher verabschiedet hat.

Morgan und Catherin, sowie Peter, erscheinen und holen ihn aus der Kluft, Morgan hatte auch Rowena erschossen. Aber Tyrone erreichte den Grabstein, las die Inschrift, den Fluch, den Totsprechritus, der den Menschen tötet und damit enthüllte er die letzten Geheimnisse.

Denn nicht Brandon, der das Wissen des Last One hat, stirbt, sondern der Mensch in dem Dark One. Offenkundig ist der Ritus nicht zur Tötung, sondern zur Erlösung bestimmt. Und die Erlösung fand die damalige Freundin des Fenrir, der ein echter Wolf war, als sie selbst zu einer echten Wölfin werden konnte.

Und diese Erlösung finden heute die Old Ones, die nun nach und nach selbst zu Wölfen werden, als Lohn für die Zeit, die sie auf der Erde verbrachten. Der New One ist zusammen mit Morgan, Catherine und Peter der einzige, der die Geschichte heil übersteht. Und die Old Ones sind in ihrem Paradies angekommen, das einmal der Friedhof der Wölfe war. Dieser Ort ist nun wirklich und Teil der Welt. Und er ist das Paradies der Wölfe. Und nur Wölfe können ihn wieder verlassen, wodurch auch Morgan seine Bestimmung findet. Er muss da bleiben.

Brandon, Catherine und Peter aber haben eine andere Aufgabe. Der New One, die Politikerin, die sogar dem Dark One widerstehen konnte, und der Sohn des einstigen Gefolgsmannes des Dark One müssen in diese Welt hinaus, um die Menschheit auf die Wölfe vorzubereiten, ihresgleichen zu finden und eine Möglichkeit zu finden, wie beide Völker zusammenleben können.

Eine wahrhaft würdige Aufgabe für eine Fortsetzung der Serie …

Fazit

Der Abschluss ist so spannend geraten, wie der Rest. Zwar erscheint das Ende doch etwas gedrängt, auf den letzten zehn Seiten passiert eigentlich alles, nachdem die Geschichte so lange und geduldig vorbereitet wurde. Dies hätte etwas entzerrt werden können. Aber die Hoffnung bleibt, dass Timothy Stahl die Gelegenheit erhält, diesen kleinen Fehler in einer Fortsetzung der Geschichte zu korrigieren. Wenn es denn wirklich einer war, denn sicher ist auch dies Ansichtssache.

Was aber eindeutig ist, das ist die Tatsache, dass Timothy Stahl es gelungen ist, den Mythos der Werwölfe in das neue Jahrhundert zu führen. Hielten sich viele Geschichten damit auf, egal ob in Roman- oder Filmform, tolle Morphingeffekte in den Vordergrund zu stellen und ansonsten sinnlos zu metzeln, bis der Wolf tot war, erhebt sich diese Geschichte in eine Dimension, die dem Ganzen einen spannenden Background gibt. Fenrir ist also der Urvater der Werwölfe und zusammen mit einer halb menschlichen, halb wölfischen Begleiterin, begründete er das Volk der Wölfe und die erste Zeit. Und nun ist diese also beendet, alle losen Fäden der Zeit sind verknüpft und ein neuer Anfang ist gemacht.

Hoffentlich erhält auch dieser neue Anfang die Gelegenheit, sich zu entwickeln.

Das Experiment der Wölfe ist jedenfalls mehr als gelungen. Es war wunderbare Unterhaltung, die weit über das übliche Niveau von Heftromanen hinausging. Schade, dass es schon zu Ende ist.

Wölfe

1. Der Fluch des Wolfes
2. Der Bund der Wölfe
3. Die Jagd des Wolfes
4. Der Kerker der Wölfe
5. Friedhof der Wölfe
6. Der Herr der Wölfe

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