12. "Die Schatten-Chronik" von Hohlbein/ Rehfeld

Raven 12Zwanzig Jahre sind seit den letzten Abenteuern vergangen, aber an einem Romanhelden gehen diese Jahre beinahe spurlos vorbei. Beinahe. Trotzdem ist einiges passiert. Hillary ist nicht mehr das junge, verzogene Mädchen, das sie einmal war. Nun ist sie ein wesentlich älteres, nicht minder verzogenes Frauchen.

Raven erhält einen Auftrag, den er eigentlich gar nicht will. Eine alte Frau will Gespenster auf dem Friedhof gesehen haben, der direkt neben ihrem Anwesen ist. Und diese will sie vertrieben wissen. Da die Polizisten von Ravens Nebentätigkeit als Geisterjäger wissen, schicken sie die etwas hysterische Lady zu Raven. Der erklärt sich trotz Zögern bereit, den Auftrag zu übernehmen, denn natürlich ist er auch zwanzig Jahre später immer noch notorisch erfolglos und knapp bei Kasse. Also wartet er nächtlicherweise vor dem Friedhof, aber weil auch Detektive älter werden, schläft er ein und wacht erst eine Stunde später auf. In den Nachrichten erfährt er, daß in Tokio fürchterliches geschehen ist. Die Stadt ist praktisch vollkommen verwüstet. Aber er hat keine Zeit darauf zu achten, da ihm klar wird, daß möglicherweise bereits Besucher auf dem Friedhof sind. Und er könnte es ja eventuell nicht bemerkt haben. Nachdenklich greift er nach einer etwas zu warmen Dose Coke, die ihm erst einmal einen Schwall süsen, schwarzen, klebrigen Saftes auf die Hose schleudert. Fluchend legt er sich trocken und verlässt dann seinen mittlerweile bereits zwanzig Jahre alten Maserati, der kurz davor ist, eine Antiquität zu werden. Aber da er sich ohnehin nichts neueres leisten kann, behält er das Fahrzeug einfach.

Auf dem Friedhof hat sich tatsächlich etwas getan. In einer Gruft, die er bereits vorher näher betrachtet hatte und deren Türen da noch geschlossen waren, sieht er Licht und stellt fest, daß einige Jugendliche da eine schwarze Messe feiern. Er hält das Treiben der Jugendlichen für eher wenig erfolgversprechend und sprengt die Versammlung, indem er sich durch die Tür begibt und sich erst einmal vorstellt.

Unpassenderweise öffnen sich genau in diesem Augenblick die Sargdeckel und die Skelette kriechen daraus hervor. Ein Ergebnis, mit dem offensichtlich nicht einmal die Teilnehmer der Seance gerechnet haben. Und natürlich interessiert die Skelette der Schuß aus Ravens Waffe kein bißchen. Die Kugel schlägt glatt durch das Gerippe hindurch. Erst ein Schuß direkt auf den Schädel, zeigt Wirkung. Eines der Skelette erhebt sich nicht wieder.

Auch die anderen machen zwar Schwierigkeiten, sind aber doch einigermaßen leicht zu beseitigen. Hilfreich unterstützt wird er dabei von einer der Priesterinnen dieser schwarzen Messe, die ihn zu kennen scheint. Mit Hilfe eines brennenden Stockes, schafft er es, die Skelette zu verbrennen, die wie Zunder brennen. Als alle beseitigt sind, greift sich Raven seine Waffe, die er unter einer der Särge wiederfindet und verlässt mit der Frau, die sich als Hillary entpuppt, der Tochter von Sir Anthony, die Gruft.

Er fährt die Frau nach Hause, die ihm von ihrer gescheiterten Ehe erzählt. Der Diplomat, der sie geheiratet hat, entpuppte sich als ekelhafter Schürzenjäger und bereits kurz nach der Hochzeit, vergnügte er sich mit anderen Frauen. Ein Verhalten, das Raven auch bei Sir Anthony schon beobachtet hatte. Er sagt dazu aber nichts. Hillary hat sich zunächst mit ihrer Rolle abgefunden, aber da sie schon immer einen Sturkopf hatte, wehrt sie sich dann schließlich doch und lässt sich scheiden. Sie war mit ihm nach Australien gezogen, verlässt den fünften Kontinent dann aber und ist erst seit kurzem wieder in Europa. Ihr Vater billigte das zwar nicht, aber das war Hillary - natürlich - egal.

Wie sie auf die Idee mit der schwarzen Messe kam, weiß sie zwar im Nachhinein nicht, aber es kam ihr eben als interessante Abwechslung vor. Raven bringt die Lady zurück zu Sir Anthony. Sein Butler ist zwar nicht mehr ganz der Alte, nach einer Schußverletztung ist sein Gedächtnis nicht mehr das Beste. Er denkt, daß Hillary immer noch ein kleines Mädchen ist. Aber Sir Anthony ist zwar einige Jahre älter, doch irgendwie trotzdem noch ganz die Person, die er schon immer war. Allerdings im Ruhestand. Seinen Alterssitz will er demnächst beziehen, ein ehemaliges Kloster außerhalb von London, das gerade renoviert wird. Und bei der Krise, die sich in Japan auftut, fungiert er als Berater.

Erst jetzt erinnert sich Raven an die Durchsagen im Radio und fragt nach. Er erfährt, daß Tokio von einem Fleisch gewordenen, filmischen Albtraum angegriffen wurde. Schuld an dem Untergang dieser Stadt war niemand anders als Godzilla, das Monster aus den Filmen. Und nur wenige Tage zuvor kam Godzilla im Fernsehen. Was Raven nicht weiß, ist daß ein Handwerker, der in diesem Kloster tätig war, plötzlich für eine Nacht verschwunden war. An dem Abend, als der Horrorfan Godzilla sehen wollte, die Neuverfilmung von Emmerich natürlich, verlor er seinen Schlüssel und landete in einem vergessenen Teil des Kellers. Was dort passierte, weiß er nicht mehr, als er endlich wieder heraus kommt. Aber er stürzt sich trotzdem gleich über eine Klippe. ES freut sich darüber, was auch immer ES ist.

Und ES hat einen Plan. Der führt dazu, daß Sir Anthony Raven aufs Land mit einlädt und Hillary und Janice natürlich auch. Und so treffen sie sich alle zusammen, mit drei Bodyguards und dem alten Butler, der es nicht mehr so richtig blickt, sowie einer Köchin in dem Landhaus des Lords. Und natürlich ist Card auch schon da. Raven und Janice erscheinen als eine der letzten und kommen reichlich spät, was laut Raven daran liegt, daß Janice die Karte nicht lesen konnte. Natürlich, woran auch sonst. Die gute Janice fragte sich immer noch, warum sie sich eigentlich damals auf Raven eingelassen hatte und immer noch bei ihm ist. Sie sind auch immer noch verlobt. Geheiratet haben sie nie.

Card ist schon an die achtzig und lange pensioniert. Er äußert als erster den Verdacht, daß etwas sie hergelockt hat. Und vermutet, daß diese etwas auch mit dem Unglück in Tokio in Verbindung gebracht werden kann. Und dem in Seoul, wo Godzilla ebenfalls auftauchte. Peking ist dann das dritte Opfer, obwohl es gar nicht am Meer liegt. Das Monster tauchte trotzdem auf, wie aus dem Nichts, und konnte von gar nichts aufgehalten werden. Und dann spielt plötzlich das Efeu im Garten verrückt, das eigentlich noch gar nicht so hoch gewachsen sein dürfte. Es greift sich Hillary, als sie gerade draußen steht, um eine zu rauchen. Janice, mit der sie sich unterhalten hat, kann gerade noch wegspringen. Die Leibwächter können ebenfalls nichts tun. Erst Raven, der Gartengeräte besorgt, kann sich an Hillary heranarbeiten, zusammen mit dem Butler, der sehr hilfreich ist. Aber sie schaffen es trotzdem nicht, gerade als sie die Frau erreichen, verwandelt sich ein Stück Efeu in einen Speer und ersticht Hillary. Sie stirbt sofort und auch die drei Leibwächter können nicht befreit werden. Im Gegensatz zu sich in Insekten verwandelnde Nachtische, ist das wirklich eine Bedrohung. Und Raven schöpft Verdacht und entwickelt eine Plan.

Die Köchin will er in ihre Pläne einweihen. Die anderen sollen sie ablenken, während er sich versteckt. Das gelingt auch, aber der eigensinnige Card humpelt ebenfalls mit in den Keller, wo sich Raven versteckt. Denn er hat die Köchin von dort kommen sehen, obwohl es dort eigentlich gar keinen Ausgang gibt. Und wirklich, sie kommt wieder und verschwindet durch einen geheimen Zugang in der Wand, der sich unmittelbar hinter Card und Raven schließt. Und dann sehen sie sie, während sie in einem Buch schreibt. Und plötzlich steigen Steinfiguren aus der Wand, die mit dem Schwert auf Raven losgehen. Der Detektiv kann sie besiegen, aber es kommen immer mehr. Card bemerkt, daß die Steinfiguren immer schwächer werden und stachelt Raven an, aber irgendwann ist Schluß. Und gerade, als eine Steingestalt ihm den Schädel spaltet, werden sie gerettet.

Wodurch weiß Raven aber noch nicht. Er kommt zu sich und sieht alle versammelt, auch die eigentlich toten Leibwächter und Hillary. Und dann ist da noch dieser junge Kerl, den keiner zu kennen scheint, der sich aber als Card bezeichnet. Und wirklich schein er ein jüngerer Card zu sein. Er erklärt ihnen, was passierte. In dem Flügel war offensichtlich ein Buch eingeschlossen, die Schattenchronik, wie der Titel bereits verrät. Diese Chronik schrieb sich nur mit Hilfe eines Mittlers, der in diesem Fall die Köchin war. Zuvor aber ein Handwerker, der von Godzilla träumte. Und deshalb hat Godzilla plötzlich diese Hauptstädte vernichtet. Geschrieben von der Hand der Köchin, erdacht von der Chronik nach dem Vorbild dessen, was sich in ihrem Geist abspielte. Die Chronik war aber erst am erwachen und noch nicht sehr stark. Deshalb konnte sie auch einigermaßen leicht besiegt werden. Card erklärt, daß die Chronik im letzten Augenblick aufgehalten werden konnte, er hat sie verbrannt. Alles, was geschrieben steht, wird zwar Wahrheit, aber erst nach einiger Zeit. Und so war das, was bisher passierte, nur eine Illusion im Zeitstrom, die durch Vernichtung der Chronik rückgängig gemacht werden konnte, deshalb lebten auch die Leibwächter und Hillary plötzlich wieder, und auch Raven, der im letzten Moment eigentlich noch von einer dieser Steingestalten getötet wurde. Und Card wurde jung, weil er ein Blatt aufgehoben hat, auf das er alles geschrieben hat, was er sich für sich persönlich wünschte. Er bietet ihnen an, auch ihre Wünsche zu notieren und zieht das Blatt hervor.

Da kommt ein Windhauch des Schicksals, reißt ihm das Blatt aus der Hand und lässt es genau ins Feuer flattern, wo es vernichtet wird. Und Card fragt kläglich danach, ob jemand seinen Stock gesehen hat.

Fazit

Ein würdiger Abschluß ist dieser Roman durchaus. Erstaunlicherweise sind auch für Raven zwanzig Jahre vergangen und es wäre sicher interessant, in einer Fortsetzung dieser Geschichten zu sehen, wie dieser knapp fünfzigjährige Raven und seine etwas über vierzigjährige Dauerverlobte weitermachen. Allein dieses würde eine Fortsetzung durchaus wünschenswert machen ;-).

Aber auch die Geschichten, die die Idee eines solchen Geisterdetektivs bietet, ist absolut hervorragend. Für einen neuen Zwölferband, der ja dann neu geschrieben werden müßte, wäre eine größere Autorenvielfalt wünschenswert. Auch eine Geschichte, die etwas mehr zusammenhängt. Naturgemäß war dieser erste Zwölfteiler eine Aneinanderreihung von einzelnen Romanen, die nur durch K.U. Burgdorf einen Zusammenhalt erhielten. Als Autoren sollten neben Hohlbein, Burgdorf und Rehfeld in diesem neuerlichen Zwölfteiler ruhig auch andere Autoren mitmachen dürfen, wie Stahl oder Weinland. Oder vielleicht mal ganz neue, wie das ja auch schon in Atlan-Zwölfteilern vorgeführt wurde. Auf jeden Fall wäre eine solche Fortsetzung eine interessante Spielweise. Und die ersten zwölf Romane haben durchaus viel spannende Unterhaltung beschert.

Raven

1. Schattenreiter
2. Das Schwert des Bösen
3. Die Rache der Schattenreiter
4. Horrortrip ins Schattenland
5. Merlins böses Ich
6. Das Phantom der U-Bahn
7. Der Kristallschädel
8. Der Magier von Maronar
9. Der Turm der Lebenden Toten
10. Das Stonehenge-Monster
11. Die Spinnen-Seuche
12. Die Schatten-Chronik

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