9. "Der Turm der Lebenden Toten" von K.U. Burgdorf

Raven 9Vor vielen Jahrhunderten gingen sie über die Welt, folgten den Spuren schrecklicher Ereignisse. Und so kommen sie auch nach Stratton-On-Thayne, wo wahrhaft furchtbares geschehen ist. Die Stadt brennt. Männer sind dabei, die Häuser zu schleifen und die feine Nase des alten Mannes kann verbranntes Fleisch identifizieren. Das Fleisch von Menschen, die auf Scheiterhaufen verbrannt werden.

Eine Horde von Hexenjägern kam in den kleinen Ort und machte ihn dem Erdboden gleich.

Der alte, blinde Mann sucht nach Überlebenden und nach einer Möglichkeit, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er trifft auf einen Mann, der an einem Baum hängt, mit den Handgelenken angebunden und den kompletten Rücken, sogar bis hinunter an die Fersen, mit einer Karbatsche blutig geschlagen. Der Mann ist kurz davor, zu verbluten, beschuldigt aber die Hexenjäger und vor allem ihren Anführer, einen Mann namens Nehemiah Oldham. Der Hexenjäger ist davon überzeugt, das Richtige zu tun. Aber der Mann an dem Baum nicht, er beschuldigt ihn, unrecht zu tun und bittet nur um Gerechtigkeit. Helfen kann er ihm nicht, aber Gerechtigkeit soll ihm werden. Das verspricht der alte, Blinde Mann und lässt sich von seinem Begleiter, der zwar sehr jung aussieht, ein Kind noch, aber wohl schon wesentlich mehr erlebt hat, als viele Erwachsene, zu den Hexenjägern führen.

Diese haben auch nichts anderes zu tun, als vor ihren Augen eine junge, wehrlose Frau zu vergewaltigen. Schuldige sind zwei der Helfer des Hexenjägers namens William und Simon. Der alte legt ihnen Nahe, doch besser aufzuhören mit ihrem Tun, aber der Hexenjäger zählt all die Gründe auf, weshalb die überlebende Teufelsbrut, die ja doch mit dem Teufel gebuhlt hat, in den alten Turm eingemauert werden muß, an dem all diese Untaten ja stattgefunden haben.

Doch der alte Mann ist anderer Ansicht. Er schlägt sie mit dem Kainsmal und verflucht sie bis ins zwei Dutzendste Glied, bis in fünfhundert Jahren. Dann lässt er sie aber mit ihrem Tun weitermachen und der Hexenjäger ist auch wütend, er lässt alle einmauern und qualvoll in dem Turm sterben.

Fünfhundert Jahre später, in einer kleinen englischen Stadt namens Shilford. Vier Bankräuber bereiten sich auf einen großen Coup vor. Leider geht alles schief, trotz militärischer Planung. Das Problem ist der Besucher in der Bank, der nichts anderes zu tun hat, als die Räuber tatsächlich anzugreifen. Deshalb muß ihn Jazz erschießen. Darüber sind die Angstellten in der Bank so erschrocken, daß sie ein Sicherheitsfeature betätigen, von dem Jazz nichts wußte. Gitter versperren ihm den Weg zu dem Geld und so machen sie sich reichlich schnell davon. Nur leider stolpern sie der Polizei in die Arme und die feuern sofort, als sie den bewaffneten Bankräuber sehen. Sein Bruder Lefty fängt die Kugel auf und dafür werden die beiden Polizisten von Jazz erschoßen. Ein Blutbad zurücklassend, verschwinden sie aus der Stadt.

Raven und Freundin nähern sich mittlerweile Shilford, wo sie Freunde besuchen wollen. Eine ehemalige Jugendfreundin von Janice hat in Amerika einen Schriftsteller geheiratet. Nach seinem ersten Bestseller, sind beide nach England gezogen, damit er die Ruhe für seinen neuesten Roman hat. Es geht um Hexenverfolgung, und das Umfeld ist durchaus geeignet, um die rechte Stimmung zum Schreiben zu erzeugen. Ein altes, prächtiges Landhaus ist ihr neues Zuhause. Und dieses wird zum Ziel der Bankräuber, was die beiden im Maserati natürlich nicht wissen. Raven denkt über sein Abenteuer mit der Kollegin vom britischen Museum nach, wenn er nicht gerade schläft, und ist insofern etwas abgelenkt. So erreichen sie schließlich eine Strassensperre, die zu Ehren der Bankräuber errichtet wurde. Der Polizist erkennt Janice zumindest an ihrem Namen, denn der Name Land ist in der Gemeinde nicht unbekannt. Und auch sie erkennt den Namen des Polizisten. Sie werden durchgelassen und erreichen das Landhaus, nur kurz nach den Bankräubern, die mittlerweile den Hausherrn und seine schwangere Frau sichergestellt haben.

Raven erkennt die Falle noch rechtzeitig, prügelt sich dann mit zweien der Bankräuber. Als er die Maschinenpistole rattern hört, fürchtet er das Schlimmste für Janice und verliert den Kampf, obwohl es eigentlich nicht schlecht aussah. Er kommt wieder zu sich und ist an zwei Tischpfosten gefesselt.

Janice kann entkommen und schafft es irgendwie in den Wagen, dessen Frontscheibe unter den Schüssen zerspringt. Sie flieht allerdings in die flasche Richtung, muß den Wagen wieder verlassen und macht sich auf in Richtung eines gewissen Turms, was ihr aber nicht so ganz klar wird. Verfolgt wird sie von einem der Räuber.

Der Polizist sieht inzwischen einen Geist, im wahrsten Sinne des Wortes. Der ehemals an den Baum gehängte ist barmherzigerweise vergraben worden und kommt nun aus der kalten Erde. Untot, macht er sich auf den Weg in Richtung des alten Turms und kommt auch an der Strassensperre vorbei. Die Polizisten sind erschrocken, wissen aber nicht so recht, was sie gegen einen Untoten machen sollen. Sie beschließen, ihm langsam zu folgen und wenn sie ihn treffen, dann doch noch einmal mit ihm zu reden. Bis zur Auffahrt zu dem Haus, in dem der Schriftsteller wohnt, wollen sie fahren.

Im Turm selbst erwacht eine Frau, die vor vielen hundert Jahren einmal glücklich verheiratet war und ein Kind erwartet hat. Inzwischen sind in ihrem Körper andere Kinder, die sie den beiden Vergewaltigern verdankt. Aber die bringen ihr nichts. Sie hat Hunger. Und da sind noch andere in der Dunkelheit, die ebenfalls Hunger haben. Eine Stelle der Mauer scheint porös, also scharren sie mit ihren altersschwachen Knochen und Händen den Putz aus den Mauerritzen und wollen sich so ins Freie arbeiten. Immer noch rennt Janice ahnungslos auf den Turm zu, erreicht ihn schließlich und sieht einen Mann an dem Turm, der von außen daran arbeitet, die Mauer abzutragen.

Raven muß inzwischen den Terror der Geiselnehmer und ehemaligen Bankräuber ertragen. Er erkennt schnell, daß der Anführer ziemlich verrückt geworden ist. Sein Bruder ist schwer verletzt und braucht dringend einen Arzt. Anne Devlin, die ehemalige Freundin von Janice, ist an einen Stuhl gefesselt und ihr Gemahl desgleichen. Raven provoziert den Verbrecher auch noch und kriegt daraufhin ein paar verpasst, was Anne nicht gefällt. Sie sagt dies auch dem Angreifer, der daraufhin eine durchaus boshafte Idee hat. Er will, daß der verbliebene Bankräuberkollege die schwangere Frau mit nach oben nimmt und sie dort vergewaltigt. Das passt natürlich ihrem Mann nicht sehr, aber mit einer Waffe am Kopf wird der schnell ruhig. Und Anne beschließt, lieber stillzuhalten, als zu riskieren, daß ihrem Mann etwas passiert. Sie wird nach oben geleitet und in das Zimmer geführt.

Janice hat inzwischen den Mann erreicht und bittet ihn um Hilfe, muß aber entsetzt erkennen, daß dieser Mann nichts menschliches mehr an sich hat. Er ist reichlich tot, aber irgendwie immer noch am Leben, sieht einigermaßen verwest aus und hat sogar noch Maden in den Augenhöhlen. Trotzdem macht er weiter an dem Turm, vergrößert das entstandene Loch und heraus kommen die Untoten. Eine davon, die eindeutig weibliche Attribute hat, umarmt ihn, sie wirken wie ein uraltes, etwas sehr merkwürdig aussehendes Liebespaar. Janice, die sich zuvor den Knöchel verstaucht hatte und kaum noch laufen kann, rennt davon, im Schock die Kontrolle auch über den verletzten Körperteil zurückgewinnend. Sie stolpert genau dem Bankräuber in die Arme, der sie nun gerne um die Ecke bringen würde und gar nicht auf ihre hysterischen Worte achtet.

Das hätte er aber mal besser getan, denn die Untoten sind blitzschnell über ihm. Und töten und fressen ihn auf.

Dann nähern sie sich Janice.

Anne ist langsam doch am Verzweifeln, als sie so den lüsternen Blicken des Unholds ausgesetzt ist. Einigermaßen im Freien stehend, würde sie sogar ihr eigens Kind opfern, wenn sie denn aus dieser Situation wieder herauskäme. Raven findet inzwischen heraus, daß Jazz offensichtlich ebenfalls aus der Gegend stammt, er kennt Janice jedenfalls sehr gut und bezeichnet sie als die arrogante Schlampe, die ihn und Lefty früher immer einfach ignoriert hat.

Anne sieht plötzlich eine Hand, die vor nicht allzu langer Zeit noch am Gelenk der jungen Frau hing, die nun als Untote aus dem Turm wieder herausgekommen ist. Diese Hand marschiert in den Raum, in dem der Bankräuber sich über Anne hermachen will. Sie macht ihn auf die Gefahr aufmerksam, er lässt sich ablenken und ist geschockt, als ihn die untote Hand am Hals packt und einfach erwürgt. Hysterisch rennt Anne einen Stock tiefer und deutet auf das Fenster, als Jazz die Waffe auf sie richtet. Sie faselt von der Gefahr, die da auf das Haus zu kommt und wahrhaftig, der Bankräuber lässt sich ablenken. Er wirft einen Blick aus dem Fenster und wird Zeuge einer merkwürdigen Prozession. Ein Zug von verwesten Gestalten, die an der Spitze eine junge Frau auf das Haus zu führen. Es ist Janice, die von den Untoten gefunden wurde. Sie betreten das Haus und Raven ist nun gleichermaßen erschrocken, als er seine Freundin sieht. Als Jazz auf Janice feuern will, kann Raven reagieren. Jazz kommt in die Reichweite seiner Beine und Raven tritt zu, was Jazz die Beine unterm Leib hinwegfegt. Er verreißt die Waffe und lässt eine Garbe der Schüsse los, die allesamt in das Sofa und den Körper seines Bruders einschlagen. Lefty scheint tödlich getroffen.

Janice erweist sich als reichlich lebendig, nimmt hocherfreut ihren Freund in die Arme und berichtet ihm, daß die Untoten ihr nichts getan haben, im Gegenteil, sie haben ihr aufgeholfen und sie zum Haus geführt, weil sie selber nicht mehr gehen können. Und als Raven die Waffe des Mörders Jazz haben will, hören sie die Stimme, die ihnen mitteilt, daß sie sich um die Waffe nicht mehr zu kümmern brauchen.

Ein altern, blinder Mann ist, auf einen Jungen gestützt, in das Haus eingetreten. Die Untoten scheinen ihn alle zu kennen. Er stellt sich als Ahasver, der Ewige Wanderer vor. Und er berichtet ihnen von den Ereignissen vor fünfhundert Jahren.

Und von dem Fluch, den die Nachfahren des Nehemiah Oldham auszubaden haben. Er bezeichnet drei Personen als diese Nachfahren. Eine davon ist Jazz. Die Zweite Raven und die Dritte Anne Devlin.

Er erklärt ihnen, daß Nehemiah schon bald nach den Ereignissen eine Frau genommen habe, die er geschwängert habe. Nur immer der Erstgeborene ist von dem Fluch betroffen. Als sie schwanger war, starb sie an einem Fieber und der Arzt schnitt ihr den Bauch auf, um den Kindern ins Leben zu helfen. Es waren Drillinge, die sie im Bauch hatte und diese Drillinge waren die Vorfahren der drei genannten.

Die Strafe von Jazz war offensichtlich. Nach den Schüssen auf seinen Bruder verlor er den Verstand und sollte in eine Anstalt eingewiesen werden. Die Strafe von Anne Devlin war weitaus schlimmer. Als sie in der Gefahr der Vergewaltigung schwebte, waren ihre Gedanken dem eigenen Kind gegenüber nicht sehr positiv und Ahasver hat dies vernommen. Er straft sie, indem er ihr Kind nimmt und es Amos und Marian Prynn gibt, den beiden getrennten Liebenden, die der Auslöser des Fluches letztendlich waren. Auf magische Weise verschwindet Annes Babybauch und die Untote hat plötzlich ein Kind in ihrem eigenen als Ersatz für das Kind, das sie schon damals hatte und das Nehemiahs Männer ins Feuer geworfen haben. Sie würde sich eines solchen Kindes würdiger erweisen, als Anne.

Und Ravens Fluch ist das Schicksal, ständig in Abenteuer mit Untoten und mystischen Figuren, die es in einer Welt normalerweise gar nicht geben darf, verwickelt zu werden. Damit ist das Geheimnis seiner Herkunft und seiner Arbeit als Geisterdetektiv aufgeklärt. Lefty scheint wirklich ein tragisches Opfer zu sein, aber Raven, der mit all dem Gehörten nicht wirklich zufrieden ist und die Gerechtigkeit des Ewigen Wanderers anzweifelt, fragt nach, ob er sterben muß, weil in seinen Augen auch das Blut des Hexenjägers fließen würde. Ahasver verneint dies und bietet Lefty, der noch gar nicht tot ist, eine Möglichkeit an, sein Leben zu verlängern. Er muß bis er einen Nachfolger gefunden hat, an seiner Seite reisen, den Platz des Jungen einnehmen, mit dem Ahasver den Raum betreten hat. Lefty stimmt zu und der Junge erkennt freudig, daß sein Dienst bei Ahasver zu Ende ist. Er stirbt auf der Stelle, verfällt vor den Augen der Anwesenden zu Staub. Und Lefty erhebt sich und tritt an die Seite des Alten.

Dieser weist den Untoten noch den Weg in ihr Dorf, das auf geisterhafte Weise wieder erstanden ist. Und dann verschwindet er und einge ratlose Polizisten betreten den Raum. Es sind die Polizisten von der Strassensperre, denen Raven nun erklären kann, was hier eigentlich passierte und was das für eine merkwürdige Stadt ist, die da plötzlich wie aus dem Nichts erschienen ist und nur aus Ruinen zu bestehen scheint.

Fazit

Der neunte ist der bisher spannendste Roman der Reihe und es war K.U. Burgdorf vorbehalten, dem Geisterdetektiv eine Vergangenheit zu geben, die zu seiner merkwürdigen Arbeit passt. Vermutlich war dieses niemals Wolfgang Hohlbeins Absicht, aber durch diesen neuen Hintergrund hat der Charakter sehr gewonnen. Die Geschichte ist sehr spannend geraten und bietet genau die richtige Mischung zwischen Horror und Krimi. Das Erscheinen der Untoten, die bald eine differenziertere Moral haben, als viele der handelnden Personen, ist ein durchaus gelungenes Experiment und ihr Ende ein würdiges, sie dürfen die Geschichte überleben und werden sogar noch belohnt. Selbst Raven erkennt, daß in der merkwürdigen Gerechtigkeit des Ewigen Wanderers eine interessante Art von Frieden liegt, der über die Untoten kommt.

So kann die Geschichte gerne weitergehen. In den folgenden Bänden werden wohl die Thul Saduun wieder auftauchen und auf den vollkommen neu geschriebenen Abschlußband dürfen wir wohl alle gespannt sein.

Raven

1. Schattenreiter
2. Das Schwert des Bösen
3. Die Rache der Schattenreiter
4. Horrortrip ins Schattenland
5. Merlins böses Ich
6. Das Phantom der U-Bahn
7. Der Kristallschädel
8. Der Magier von Maronar
9. Der Turm der Lebenden Toten
10. Das Stonehenge-Monster
11. Die Spinnen-Seuche
12. Die Schatten-Chronik

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