9. Bruderkrieg - Manfred Weinland / Timothy Stahl

Mission Mars 9Das Inferno ist mehrere Jahre her (Marsjahre – die dauern pro Jahr in etwa so lange, wie zwei Erdenjahre). Darven erwacht nach langer Zeit aus einer Art Koma und findet bei seiner nächtlichen Wanderung eine Reihe von Gräbern, denen er entnehmen kann, dass Menschen gestorben sind, die er kannte. Aber er kann sich nicht mehr so richtig erinnern.

Und sein nächtlicher Ausflug kostet ihn sehr viel Kraft. Er droht, zu sterben.

Vegas gibt es nicht mehr. Aus den Trümmern dieser Stadt ist eine neue Siedlung entstanden. Wie Phoenix aus der Asche, sozusagen, und deswegen wird die Siedlung auch Phoenix genannt. Da Allan Braxton, der alte Bürgermeister, bei dem Inferno ums Leben kam, wurde ein neuer Bürgermeister benötigt. Und so wurde Rondo Gonzales in dieses neue Amt gewählt. Er ist von einem zerstörerischen Ehrgeiz besessen. Er misstraut den neuen Menschen, die die Siedlung verlassen haben und in einen Marswald gezogen sind, wo sie seither im Einklang mit der Natur leben.

Deswegen hat er Wachtposten aufgestellt. Die neue Siedlung ist Sichelförmig angelegt, mit einer Farm am Ende der Sichel. Und Wälle umgeben sie, auf denen Wachtposten sitzen, die genau beobachten sollen, ob jemand oder etwas aus dem Wald zu ihnen kommen. Aber zunächst einmal gehen sie in die Stadt.

Raban hat das Inferno damals zwar überlebt, aber er hat sich verändert. Immer noch jungenhaft, ist er nicht mehr so lebhaft wie vor der Katastrophe. Er hat einen eher düsteren Charakter, aber immer noch bunte Kleidung, die er selbst näht. Und sein Haar ist weiß geworden. Er ist der Pilot eines Luftschiffes, denn fliegen kann er immer noch. Und er bringt eine Gruppe in den Wald, die die Verhältnisse dort überprüfen sollen. Zum ersten Mal seit Jahren ist eine solche Expedition aus dem Wald wiedergekehrt. Zumindest eine Person davon. Cari Saintdemar ist eine Tochter von Kord, der damals ums Leben kam. Sie spricht von gefressen im Zusammenhang mit ihrem Aufenthalt dort. Ihr Bruder Ley und Nive, einer Freundin der beiden, sind noch dort.

Gleichzeitig verschwindet auch Darven. Und das ist genug Grund für Rondo, um gegen die Waldmenschen nun endlich vorzugehen.

Darven wurde von einer jungen Frau entführt, die aus dem Wald in die Stadt gelangt ist, um die Menschen zu belausen. Sie will feststellen, was die Menschen tun, nachdem Cari wiedergekehrt ist und sehr verstört aussieht. Anstatt zu verschwinden, entscheidet sie sich aber dafür, Darven noch einen Besuch abzustatten. Und er sieht gar nicht gut aus. Sie erkennt, dass er im Sterben liegt und das kann sie nicht zulassen. Deswegen entführt sie ihn und zusammen mit ihrer Mutter will sie sein Leben retten. Denn Darven ist ihr Vater. Sie ist Nureeni, die Tochter von Shola. Sie ist die erste, die von einer der neuen Menschen geboren wurde und dies überlebt hat. Einige andere, die vor ihr geboren waren, sind nicht mehr am Leben und sie liegen auf einem Friedhof, den die neuen Marsgeborenen besonders verehren.

Darven wird von Nureeni dank ihrer besonderen Fähigkeiten mit Unterstützung ihrer Mutter und der Natur geheilt. Und er erfährt, was seither alles passiert ist.

Bevor Rondo etwas gegen die Waldmenschen unternimmt, will er noch in Erfahrung bringen, wie weit Lyvia Braxton gekommen ist. Sie war eine der Helferinnen bei der damaligen Katastrophe, und zwar diejenige, die Raban gefunden hat, der eine Kugel in den Armen hielt. Diese Kugel erwies sich als ganz besonderes Artefakt. Von Rondo hat Lyvia Zugriff auf ein Labor erhalten, mit dessen Hilfe sie das Geheimnis der Kugel lüften sollte. Dies ist ihr auch gelungen. Denn die Kugel beinhaltet genetische DNA, eingelagert vor sehr langer Zeit, noch bevor auf der Erde überhaupt Leben existierte. Diese DNA soll aus den Kugeln befreit werden, die Tiere sollen so wieder auf dem Mars angesiedelt werden.

Lyvia kann in die Kugeln schauen und sieht dort, was für Tiere damals auf dem Mars gelebt haben und welche Gencodes dort verschlüsselt sind. Und es gelingt ihr tatsächlich, einen Augenfisch zu klonen, ein Fisch mit Augen unter jeder Schuppe, der aber schnell verendet.

Daraus lernt sie aber. Und ihre nächste Schöpfung, ein Vogel, der allerdings ziemlich gefährlich ist, ist sehr stabil. So stabil sogar, dass die Schöpfung entkommen kann und sich in dem Wald ansiedelt. Da sie zweigeschlechtlich ist, kann sie sich selbst fortpflanzen. Und sie ist außerdem ein natürlicher Feind der Marskäfer, mit denen die neuen Menschen in einer merkwürdigen Symbiose leben. Sie bauen ihnen Behausungen in die Wipfel der Bäume, während die Menschen mit ihren besonderen Fähigkeiten sie schützen.

Bis die Vögel kommen und sich auf die Käfer stürzen. Sie saugen sie regelrecht aus, bis die Menschen ein Mittel gegen sie finden.

Rondo rüstet eine Expedition aus und wird nach seiner Ankunft mit einem von Raban neu konstruierten Fluggerät von den Vögeln fast getötet. Seine gesamte Gruppe wird von ihnen attackiert. Die Vögel haben Zähne wie Piranhas und beißen sich in den ungeschützten Hautpartien der Menschen fest. Dort, wo die Uniformen der wie Soldaten gekleideten Menschen sind, greift Säure das Material an und frisst sich durch bis zur Haut. Erst ein Schuss aus der Waffe der Alten, vertreibt die Vögel. Die Gruppe ist stark bewaffnet, mit teilweise neu konstruierten Waffen. Auch dieses Tabu wird von Rondo gebrochen. Und er will in den Wald hinein und die Menschen daraus befreien, das Unheimliche, das sich dort eingenistet hat, beseitigen.

Gerade, als Nureeni Darven über die Vergangenheit aufklärt, greift Rondo mit seiner Waffe die Baummutter an. Bei dieser wollte sich Shola Rat holen. Sie hat sich deswegen von den Lianen ergreifen lassen und ist in Kontakt mit dem Baum getreten, der ihr einige Informationen über die Zukunft geben soll. Rondo schießt sofort, weil er denkt, dass der Baum Shola angreifen würde. Er verwundet den Baum schwer und setzt damit eine Entwicklung in Gang, an deren Ende sein eigenes Ende steht. Der Baum nimmt ihm die Waffe der Alten weg und greift mit Wurzeln nach ihm zeigt ihm, wie es früher war und warum er unbedingt gestoppt werden muss. Rondo kann den Baum sogar verstehen.

Die Alten haben Experimente gemacht, die der Natur des Mars zuwiderliefen. Aber der Mars hat nichts dagegen unternommen, weil die Alten ihre Erkenntnisse wieder mit in den Weltraum nehmen wollten. Ein Ergebnis der Forschungen war die Waffe der Alten. Sie ist quasi organisch. Das Monster in der Station war ein Überbleibsel der Alten, das sterben wollte und deswegen sowohl Varga, als auch Rondo beeinflusst hat, zu ihm zu kommen. Die Waffe selbst war es dann, die Rondo zum Schuss zwang. Aber sie hat gleichzeitig ihre Saat in ihn gelegt, so dass der Bürgermeister auch mit dieser Ausrede nicht durchkommt. Er will leben, aber der Baum lässt ihm keine andere Wahl. Er lässt ein Stück seiner selbst in ihm, schickt ihn zum Slider, dem neu konstruierten Fluggerät Rabans, und lenkt ihn in den Strahl, dessen Geheimnis immer noch nicht gelüftet wurde.

Raban selbst flüchtet, trifft aber dann auf Menschen, die er kennt. Ley und Nive nehmen ihn sanft in die Arme, zeigen ihm, dass er keine Angst haben muss und nehmen ihn mit sich in den Wald. Er folgt ihnen in eine neue Welt.

Und Shola lüftet ein ganz besonderes Geheimnis, an das sie schon nicht mehr gedacht hatte. Aus dem Baum taumelt eine Gestalt, die fürchterlich aussieht. Sie kommt ihr aber gleichzeitig auch sehr bekannt vor. Es ist fast, als würde sie in einen Spiegel schauen. Eiila, ihre Mutter, war offensichtlich lange Zeit in dem Baum zu Hause. Und nun ist ihr letzter Augenblick gekommen. Aber sie kann ihrer Tochter noch alles erklären.

Ganz zu Anfang des siebten Bandes von Mission Mars war eine kurze Episode zu lesen, in der eine Frau eine Vision eines gewaltigen Sturmes hatte, die sie aber für einen Traum hielt. Als später der Sturm tatsächlich kam und viele Menschen getötet hat, war ihr klar, dass sie einen Fehler begangen hatte. Sie flüchtete deswegen in den Wald, wo sie sich die Pulsadern öffnete. Anstatt zu verbluten, hat ihr Blut etwas ausgelöst. Der Baum nahm sich ihrer an, nahm sie in sich auf und hielt sie am Leben. Erst viel später wurde sie zur Baummutter der neuen Menschen, die sie als Hoffnung für die noch junge Menschheit auf dem Mars bezeichnet.

Und ihre besondere Fähigkeit ging auf die Tochter über, auf Shola, wo sie schon stärker war. Sholas Tochter hingegen, Nureeni, weißt die bislang stärksten Fähigkeiten auf, die sie zur sogenannten Wenona machen. Sie kann zum Beispiel den Sturm für sich nutzen, ihn als Transportmittel einsetzen. Oder die Erde dazu verwenden, eine Geschichte zu erzählen. Und ihre Kinder werden dementsprechend wieder stärker werden.

Als sie genug erzählt hat, stirbt sie. Noch bevor Darven und Nureeni bei Shola eintreffen. Als die beiden endlich ankommen, ist Shola verschwunden und nur noch der Leichnam ihrer Mutter liegt dort. Nureeni versteht ziemlich schnell und nimmt Kontakt mit der Baummutter auf …

Kritik von Ralf König

… die vermutlich nun ihre Mutter, Shola, ist. Darven hat sie also gefunden, um sie gleich wieder zu verlieren. Eine Entwicklung, die sicher auch nicht dem entsprach, was er sich für ihr gemeinsames Leben vorgestellt hat. Aber auch Shola hat davon wohl kaum geträumt.

Es gibt nun eine neue Menschheit auf dem Mars, eine Letzte und Beste Hoffnung quasi für die Menschen, die allerdings noch ein Informationsdefizit hat: Was ist der Strahl und warum ist er dort? Vermutlich wird das Gegenstand der letzten Trilogie werden.

Nun ist zunächst einmal die dritte Trilogie beendet. Stahl und Weinland haben eine durchaus interessante Geschichte erzählt, dazu noch in ihrem unvergleichlichen Stil, der fasziniert, aber einem durchaus liegen muss. Bruderkrieg ist der Höhepunkt der Geschichte, die gut aufgebaut ist. Aber sie hat auch einige Schönheitsfehler. Sie steckt voller Ideen und irgendwie haben Weinland und Stahl nicht genug Platz gehabt, um all ihre Ideen unterzubringen. Deshalb sind einige der Fäden dieser Geschichte auch beinahe unbeachtet zu Boden gefallen, Geschichten, die so nie erzählt, allenfalls angedeutet werden. Wenn nicht Susan noch darauf eingeht. Aber da auch für die letzte Trilogie sicher wieder ein Zeitsprung gemacht wird, ist das nicht sehr wahrscheinlich.

Dass Shola die neue Baummutter ist, muss man sich zum Beispiel denken. Ausdrücklich erwähnt wird das nicht, allenfalls angedeutet, als die Lianen nach Nureeni greifen. Die junge Frau bildet übrigens einen neuen Menschentyp. Äußerlich etwas verändert, passt sie sich sehr gut an die neue Umwelt an, wie eine Art weiblicher Tarzan nutzt sie die Natur dieser Welt. Und als solche kommt einem das Mädchen auch vor, wenn man sich das Titelbild so anschaut. Kleidung ist ihr nicht wichtig, schließlich werden Menschen ja nackt geboren. Diese Erkenntnis gilt zwar auch für die neuen Menschen, aber sie benötigen noch warme Decken, wenn es kälter wird, während ihre Kinder, wie Nureeni, solche Hilfsmittel tatsächlich gar nicht mehr benötigen.

Und offensichtlich wird die Gruppe vergrößert, durch die Menschen, die sich in den Dschungel wagen, um ihn zu erkunden und irgendwie von ihm absorbiert werden. Tatsächlich gefressen, wie Cari sagt, aber eben nicht aufgefressen, sondern integriert in diese neue Umwelt.

Auch Cari ist so eine Geschichte, die nicht zu Ende erzählt wird. Kommt sie nun auch in den Wald, um wieder mit Bruder und Freundin vereinigt zu werden?

Auch Rabans Schicksal wird nur angerissen. Immerhin wird aber Rondos Ende deutlich erklärt. Er landet im Strahl und ist so für die Menschheit verloren. Was aber aus Sicht der Baummutter offensichtlich kein Verlust ist. Eine durchaus kalte Sicht der Dinge, aber die Baummutter hat Zugriff auf Erkenntnisse der Vergangenheit und der Zukunft, so dass man ihr in dieser Frage wohl vertrauen muss.

Fazit

Im Vergleich zum unmittelbaren Vorgänger, ist diese Trilogie durchaus gelungen und recht lesbar. Alle drei Bände steigern die Spannung und irgendwelche Monster der Woche werden eher kurz angerissen, stören insofern die Geschichte nicht allzu sehr. Schon gar nicht werden zwei ganze Romane an sinnlose Traumsequenzen verschwendet. Das Ergebnis ist entsprechend nicht nur gut lesbar, sondern durchaus spannend. Wenn nur noch die letzten Fäden verknüpft worden wären, dann wäre das Ergebnis durchaus überragend. So ist es aber immer noch SEHR GUT.

Die Trilogie macht Neugier auf mehr. Susan Schwartz wird die Miniserie mit den nächsten drei Romanen abschließen.

Mission Mars

1. Die Ankunft
2. Gestrandet
3. Überleben
4. Artefakte
5. Invasion!
6. Der Vorstoß
7. Die Brut
8. Inferno
9. Bruderkrieg
10. Aufbruch
11. Die Basis
12. Rückkehr



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