2. Gestrandet - Claudia Kern

Mission Mars 2Gestrandet - eine Erkenntnis, die sich nur langsam in den Protagonisten festsetzt. Glücklich haben sie die Landung überlebt, aber nur um vor noch viel größeren Problemen zu stehen. Sie müssen auch weiterhin überleben und so üppig ist ihre Ausrüstung nicht mehr. Kang organisiert das Überleben in den ersten Stunden nach dem Absturz und lässt aus dem zerstörten Raumschiff eine Station errichten, die künftig die Heimat der gestrandeten werden soll. Aber das führt zu ersten Spannungen, denn nicht alle haben dasselbe Ziel. Saintdemar zum Beispiel will immer noch ihren Mann am Leben erhalten, obwohl seine Anlagen die größten Stromerzeuger sind. Und Kang kann und will sich nicht zu einer Abschaltung entscheiden, denn einen Rest von Menschlichkeit müssen sie sich in dieser Situation bewahren.

Und eine Strategie, um zu überleben. Und so wird der Inder Khalid sehr wichtig, denn mit seinen Fähigkeiten als Ingenieur muss nicht nur die neue Station stabilisiert und am Leben gehalten werden, außerdem muss auch ein Weg gesucht werden, um die Module in der Umlaufbahn zum Landen zu bringen. Das gelingt schließlich auch, alle landen in der Nähe des Raumschiffes, bis auf eines, das weit weg niedergeht. Eine Expedition, bei der Carter und Braxton beinahe getötet werden, weil die Australierin etwas schnell fährt und sie dabei fast in Treibsand gefangen werden. Kang kann sie im letzten Augenblick retten.

Und er nutzt die Gelegenheit, als er allein ins Innere des gelandeten Moduls geht, um sich zu bewaffnen. Auch Jenna Braxton als seine Stellvertreterin erhält eine Waffe und so sind die Machtverhältnisse in der Station bald klar.

Während ihrer Abwesenheit allerdings kommt es zu ersten ernsthaften Konflikten. Einige in der Gruppe sind der Meinung, dass man unbedingt alles daransetzen muss, um mit der Erde kommunizieren zu können, was aber viel Energie verbrauchen würde. Deshalb wird der Vorschlag von Kang auch zunächst abgelehnt. Viel wichtiger ist das Überleben. Natürlich wird Saintdemar so zu einem Außenseiter, weil das Lebenserhaltungssystem für ihren Mann ein Energiefresser ist, der sie alle in Gefahr bringt. Und so kommt es zum Streit zwischen Gonzales und Madeleine, bei dem eine Beschädigung am gestrandeten Raumschiff auftritt. Unter dieser Beschädigung muss die bis dahin erste Offizieren, eine Russin, leiden. Ein Kurzschluss sorgt für einen Schwelbrand an ihrem Anzug, sie öffnet den Helm und erstickt. Ein erstes Todesopfer, das sie begraben müssen, nachdem Kang und seine Expedition wieder nach Hause gekommen sind.

Der Chinese macht deutlich, dass er das Kommando hat und gibt Arbeitspläne aus, die fast unmenschlich sind und zu einer gewissen Unzufriedenheit führen. Aber da alle irgendwie müde und angestrengt sind, gibt es auch kaum widerstand. Bis schließlich ein Plan des Chinesen, alle privaten Projekte zum Energie sparen einzustellen, das Fass zum überlaufen bringt. Neben Carters Berichte, die er schreibt, als würde er sie irgendwann auf der Erde abliefern können, soll dem Plan nämlich auch Madeleines Mann zum Opfer fallen. Aber er gibt ihnen auch einige Informationen über die Expedition und die Gründe, die dazu führten, dass sie vorgezogen wurde. Es gibt nämlich Aufnahmen von Artefakten, die es auf dem Mars eigentlich gar nicht geben dürfte. Unter anderem das Bild einer Flasche, ein eindeutiges Zeichen für Zivilisation. In der momentanen Situation können sie sich darum allerdings kaum kümmern, ihr Überleben ist wichtiger.

Trotzdem kommt es zur Rebellion, bei der Carter den Chinesen Kang niederschlagen kann. Braxton legt die Waffe ab, weil ihr auch klar ist, dass Schießen und Töten ihnen in dieser Situation kaum helfen werden. Und die erste demokratische Abstimmung, die Carter initiiert, ist verhängnisvoll für Bergmann, den Ehemann von Saintdemar, und damit in letzter Konsequenz auch für sie. Carter muss sogar letztendlich die Entscheidung selbst treffen, denn er ist der Letzte, der abstimmt und als er dran ist, ist ein Gleichstand erreicht. Er drückt sich aber nicht um die Entscheidung und so werden die Anlagen abgeschaltet.

Diebstahl von Nahrung ist ebenfalls ein Problem, das sie lösen müssen. Zwar nur in sehr kleinen Mengen, aber jedes kleine bisschen kann ihr Überleben hinauszögern. Khalid präpariert die Nahrungsmittelpakete mit einer leicht radioaktiven Paste und bei einer Untersuchung der Hände - nur Khalid selbst dürfte die radioaktive Paste an ihnen haben - wird Tsuyoshi überführt. Die Strafe ist fürchterlich. Einen Monat lang wollen sie nicht mehr mit ihr reden. In einer Welt, wo man sich seinen Freundeskreis nicht aussuchen kann, ist das eine gnadenlose Strafe. Isolation, und dann auch noch ohne zu wissen, wie lange sie dauern soll. Sie will sich umbringen, Carter kann es gerade noch verhindern und dabei kommen sie sich näher. Das Ergebnis ist die erste Schwangerschaft im Camp.

Natürlich kommt es schnell heraus, dass Carter die Abmachung nicht durchgehalten hat. Aber Kang ist der Meinung, dass er das Richtige getan hat und dass sie alles tun müssen, um ihre Art auf dem Mars zu erhalten. Und so benutzen sie die mitgeführte Gendatenbank dafür, die Frauen in der Gruppe zu schwängern. Der Nachwuchs soll so sichergestellt werden.

Kontakt zu Erde allerdings erhalten sie auch nach über einem Jahr nicht. Nicht mit dem Funkgerät, sondern persönlich, denn längst hätte eine Rettungsmission eintreffen müssen. Was auch immer im Sonnensystem passiert, die Erde schickt keine Hilfe. Und zu allem Überfluss ist das Modul, das noch immer im Orbit quasi gebannt ist, eine ständige Bedrohung. Atombomben sind an Bord und wenn der Strahl jemals erlöschen sollte, könnte das das Ende für die Expedition bedeuten. Zumindest dann, wenn der Aktivierungsimpuls das Modul erreicht hat, auch wenn es darauf bislang nicht reagierte. Die Rechengehirne könnten ihn noch gespeichert haben und eine Landung auf dem Mars direkt in der Nähe der Gruppe versuchen. Mit den Atombomben an Bord, die ihnen so den Tod bringen könnten…

Die Situation bleibt so gefährlich, auch wenn zunächst eine scheinbare Stabilisierung bei den ersten unfreiwilligen Marssiedlern eintritt.

Kritik von Ralf König

Mission Mars geht in die zweite Runde und hat die erste Trilogie fast hinter sich. Nach Wolfgang Hohlbeins Einleitung, die den Flug von der Erde zum Mars und die Katastrophe, die zur Notlandung führt, zum Gegenstand hat, erfahren wir nun näheres darüber, wie die Expedition überlebt hat. Der Cliffhanger mit dem Absturz am Ende von Band 1 war insofern unnötig, weil in Band 2 darauf eigentlich kaum noch eingegangen wird. Im Gegenteil, wir sind bereits auf dem Mars, die Notlandung ist schon beendet, und machen uns Gedanken über die Situation. Das Überleben muss gesichert werden und so ist auch die Frage, wie die Module aus dem Orbit geholt werden können, zu klären.

Etwas fehl am Platz wirken Anfangs die Interviewschnipsel, in denen Carter die anderen Mitglieder der Expedition vor dem Start befragt. Wir erfahren mehr über die einzelnen Personen, aber irgendwie hätten diese Einsprengsel besser in den ersten Band gepasst, wo normalerweise die Personen vorgestellt werden. Letztendlich tragen die gut geschriebenen Schnipsel aber durchaus zur Steigerung des Interesses bei.

Spannungen in der Gruppe tun ein Übriges. Mit immer den gleichen Menschen in einer Situation eingesperrt zu sein, die einen dergestalt unter Stress bringt, ist nicht einfach und Claudia versteht es auch, die Gefühlswelt der Protagonisten ausgezeichnet zu schildern. Besonders wird dies deutlich, als ein Mitglied der Gruppe Nahrungsmittel stiehlt, dabei erwischt wird und die Gruppe zu einer fast schon unmenschlichen Bestrafung greift: Absolute Isolation dieser Person. Niemand wird mit ihr reden oder sie anschauen, für einen Monat, aber wie lange die Bestrafung dauert, wird man ihr auch nicht sagen. In einer solchen Situation ist das vielleicht das Schlimmste, was einem passieren kann. "Hier oben kann man seinen Freundeskreis nicht wechseln", wie ein Mitglied der Gruppe sinngemäß anmerkt. Aber John Carter hält sich nicht so recht daran, denn die junge Japanerin, die es trifft, verkraftet die Einsamkeit kaum und will sich töten. Und so kommt es zur Affäre zwischen ihnen, die zum ersten Marsbaby führt.

Erstaunlicherweise ist von dem guten Verhältnis zwischen Carter und Saintdemar aus dem ersten Band nichts mehr übrig, so scheint es. Nach der Entscheidung Carters, Madeleines Mann durch die Abschaltung der Maschinen zu töten, ist das verständlich, aber die Eiszeit zwischen beiden scheint von vorher zu beginnen.

Auch eine Rebellion findet statt, gegen den herrischen chinesischen Kommandanten, der sich mit Waffengewalt und seiner Stellvertreterin gegen die Gruppe durchsetzen will. Als Ergebnis der Rebellion, wird der scheintote Ehemann von Madeleine Saintdemar nach einem Beschluss der Gruppe quasi getötet, denn seine Lebenserhaltung benötigt den meisten Strom. Auch ein anderes Mitglied der Gruppe stirbt, ausgelöst durch einen Streit kommt es zu einer Beschädigung der Anlagen, diese Beschädigung führt zu einem Schwelbrand in ihrem Anzug, dem sie dadurch entgehen will, dass sie den Helm öffnet. Eine Tatsache, die bei der noch nicht vorhandenen Sauerstoffatmosphäre des Mars absolut tödlich ist.

Carter entwickelt sich zu einer Art informellem Führer der Gruppe, eine Rolle, die er gar nicht haben will. Lieber sieht er sich als Erster unter Gleichen, als Teil einer demokratischen Gesellschaft und befindet sich damit in klarer Opposition zu dem Chinesen Kang, der der Meinung ist, nur Disziplin, Härte gegen sich und andere und Arbeit bis zum Umfallen - unter seiner Führung - könnte ihr Leben sichern. Dem widerspricht Carter und weist darauf hin, dass Zeit etwas ist, das sie im Überfluss haben. Womit er nicht ganz Unrecht hat.

Am Ende steht eine neu gegründete Gesellschaft, eine Hoffnung, weil der Plan mit den Modulen, die für Terraforming sorgen sollen, aufzugehen scheint. Trotzdem ist die Situation alles andere als ideal, denn sie sind immer noch auf die Reste ihres abgestürzten Schiffes beschränkt. Und zu allem Überfluss ist das Modul, das bisher vom Strahl gebannt war, nun plötzlich frei und niemand weiß so genau, ob das nicht noch ein Problem werden wird. Wenn das Schiff nun die Aktivierungsimpulse erhalten hat, wird es dann nicht landen wollen? Direkt bei ihnen? Mit allen Atombomben an Bord?

Immerhin gibt es auch ein Rätsel zu lösen. Einer der Gründe, die Expedition vorzuziehen, wird von Kang enthüllt. Es gab Funde von früheren unbemannten Expeditionen. Artefakte, die es auf dem Mars eigentlich gar nicht gegen dürfte, unter anderem ein Bild, auf dem deutlich eine Flasche zu sehen ist, eindeutig ein Zeichen von Zivilisation. Aber wer hat es zurückgelassen? Sind die Wesen womöglich noch da? In der Zeit, die sie sich schon auf dem Planeten befinden, treten sie jedenfalls nicht auf.

Einzige Merkwürdigkeit ist die Expedition zu dem Modul. Dabei wird die Gruppe auch von der Japanerin Tsuyoshi begleitet. Die aber zeitgleich in einem kurzen Abschnitt auftritt, der beim Lager der Gestrandeten spielt. Sie ist also quasi an zwei Orten zugleich. Absicht oder hat da das Lektorat etwas übersehen? Ich tippe auf letzteres, aber wir werden sehen.

Der zweite Band der Serie von Claudia Kern startet zwar etwas gemütlicher, als der erste (nicht für die Protagonisten allerdings), steigert sich aber im Verlauf der Geschichte deutlich und ist so am Ende wesentlich spannender, als der erste Teil. Man will die Geschichte gar nicht mehr aus der Hand legen, bis man das Ende erreicht. Eine ausgezeichnete Leistung der Autorin aus der Kölner Gegend, die ebenfalls ein SEHR GUT verdient.

Mission Mars

1. Die Ankunft
2. Gestrandet
3. Überleben
4. Artefakte
5. Invasion!
6. Der Vorstoß
7. Die Brut
8. Inferno
9. Bruderkrieg
10. Aufbruch
11. Die Basis
12. Rückkehr



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