6. "Die Varganen von Cramar" von Michael Marcus Thurner

Atlan Dunkelstern 6Z-Tomanet ist Beamter im Ministerium für Verbeamtung auf Cramar. In dieser Eigenschaft, erlässt er Erlasse und begründet sie mit den Vorschriften seines Volkes. Es gibt auch noch andere Ministerien, die ebenfalls von Beamten geführt werden. Und all diese Beamten leben in staatlich zugeteilten Wohnungen - die natürlich ebenfalls von einem Ministerium verwaltet werden - und erhalten staatlich zugeteiltes Essen, staatlich zugeteilte Ausrüstung und sogar staatlich zugeteilte Namen.

Z-Tomanet ist glücklich. Und wer das alles herstellt, interessiert ihn überhaupt nicht.

Jedenfalls bis er eines unschönen Tages feststellen muss, dass in einem seiner Erlasse ein Fehler auftaucht. Er hat sich auf einen falschen Paragraphen bezogen. Nur eine Ziffer war falsch. Aber das kann das Ende seiner Karriere sein, denn Beamte im Ministerium für Verbeamtung machen keine Fehler. Dafür sorgen schon die Beamten selbst, einen Fehler zu finden, bedeutet nämlich umgehende Beförderung und natürlich ist auch Z-Tomanet schon auf Kosten eines anderen, der einen Fehler beging, befördert worden.

Aber diesmal geht es ihm an den Kragen. Er hat nur noch eine Chance, wenn er den Fehler wenigstens selbst korrigiert und so zieht er den Erlass zurück, um ihn durch einen neuen Erlass ohne Fehler zu ersetzen. Aber es ist natürlich schon zu spät. Das Ministerium für Revision bestellt ihn ein und damit beginnt ein Alptraum, aus dem er so gar nicht mehr erwachen will …

Währenddessen sortieren sich Atlan, Kythara, Kalarthras und Gorgh nach ihrem letzten Abenteuer und beschließen, sich einen materialisierenden Sternenhaufen näher anzusehen. Unter anderem finden sie dort die Welt Cramar, die Kalarthras gut zu kennen und sehr zu mögen scheint. Denn zusammen mit seiner damaligen Begleiterin, hat er sich über einen langen Zeitraum auf dieser Welt aufgehalten und sich dort auch ausgiebig mit den kompatiblen Varganenabkömmlingen fortgepflanzt. Dass das auch durchaus verwerfliches Tun sein könnte, wird ihm nicht klar, was im Kontext seiner Herkunft aber nicht weiter verwunderlich ist, und auch Kythara kann sich darüber nicht aufregen. Also sagt auch der Arkonide nichts weiter dazu und so nähern sie sich der Welt, auf der viele zwangsläufig durch genetische Manipulation friedliche Varganen leben.

Z-Tomanet ist inzwischen weit weniger glücklich, denn er erscheint pünktlich bei der Revision - muss dort allerdings lange warten. Was ihm natürlich prompt eine Rüge einträgt. Unpünktlich ist er also auch noch, wie der Portier feststellt. Und verstehen tut er offensichtlich auch nichts, stellt der Portier weiterhin fest, nachdem er ihm genau erklärt hat, wo er sich melden muss. Renitent und Unpünktlich, das wird ja immer schlimmer.

Findet auch der Beamte der Revision, der ihn erwartet. Was Z-Tomanet so aufregt, dass er den Beamten über Gebühr ärgert - und dafür zur Strafe nicht nur degradiert sondern aus dem Beamtendienst entlassen wird. Er ist nun Freiberufler, die schlimmste Strafe, die man sich nur vorstellen kann. Seine Wohnung wird ihm abgenommen, seine Habe, sogar die Tasche, die er von seinem Vater geerbt hat, mit den Bildern der Eltern. Auch den Namen nehmen sie ihm und ersetzen sie durch eine Nummer. Und damit verschwindet er im schlimmsten Teil der Hauptstadt von Cramar.

Und lernt neue Menschen kennen, ein neues Lebensgefühl. Er erkennt, dass das, was er als Beamter erlebt und kennen gelernt hat, nur einen Ausschnitt darstellt, dass es da noch viel mehr gibt. Er hilft beim Ernten der Früchte, die er als Beamter so gerne gehabt hat - und natürlich auch beim Essen derselben. Obwohl sie eigentlich dem Ministerium für Landwirtschaft gehören. Und er lässt sich von seiner neuen Bekannten Flink in ganz neue Betätigungen einführen, die er nie für möglich gehalten hat.

Und er erhält einen neuen Namen, den er sich auch noch selbst aussuchen muss. Fantasie? Er? Niemals, denkt er sich. Nennt sich dann aber Fisker.

Und muss erkennen, dass das Leben als Freiberufler gar nicht so schlimm ist. Er kann mehr oder weniger tun und lassen, was er will. Allerdings nur dann, wenn er auch arbeitet, aber das macht ihm nichts aus. Das ist er gewohnt, allerdings nicht so sehr körperlich.

Aber auch das gibt sich nach einiger Zeit.

Bis schließlich das Raumschiff der Fremden auftaucht. Dabei handelt es sich um die AMENSOON, die auf Cramar landen will. Kalarthras ist etwas verwundert über die Begebenheiten auf dem Planeten, denn eigentlich würde er etwas anderes erwarten. Aber die Bewohner seiner einstigen Lieblingswelt haben sich sehr verändert. Merkwürdig ist bereits, dass sie keinen anständigen Landeplatz zugewiesen bekommen. Sie sollen landen, wo sie wollen. Natürlich nicht auf der Insel Coraak, auf der sich die Hauptverwaltung befindet. Dorthin kommt man nicht so leicht. Und obwohl der Akonide gerne anders handeln würde, halten sie sich daran. Und treffen auf Fisker und Flink, deren Baracke genau neben dem Raumhafen liegt. Denn die Freiberufler müssen sich auch darum kümmern.

Das Leben auf Cramar ist praktisch organisiert. Alle leben und arbeiten nur für die Ministerien. Damit hat jeder dasselbe und niemand ist bevorteilt. Insofern entspricht das auch genau der genetischen Programmierung, die Kalarthras vor langer Zeit in ihnen verankert hat. Und niemand würde sich dagegen gewaltsam widersetzen, denn die Programmierung lässt das nicht zu. Außer Flink, bei der die Programmierung nicht zu existieren scheint.

Aber auch sie ist es nicht gewohnt, mit den Aliens zu reden. Dafür gibt es normalerweise Spezialisten. Fisker wächst über sich hinaus, als er zum ersten Mal in seinem Leben Verantwortung für andere übernimmt und den Ankömmlingen gegenüber tritt.

Er erklärt ihnen, wie sie zum Obersten Noturierten kommen - aber natürlich nicht mehr heute, die Ämter haben ja schon geschlossen. Das ficht Atlan aber nicht an. Er geht mit Fisker, Gorgh und Kalarthras in die Stadt, während sich Kythara um das Raumschiff kümmert. Sie macht es wieder startklar.

Und Atlan und seine Begleiter übernachten in Fiskers alter Wohnung. Das ist einfacher, als gedacht, denn der Bewohner lässt sich leicht einschüchtern. Atlan erzählt ihm, dass sie von irgendeinem obskuren Amt wären und schlägt einen rüden Ton an - und schon spurt der Mann. Zuvor erkundigte er sich bei Fisker, wie der Sicherheitsdienst organisiert ist und erfährt, dass der alle Befugnisse hat. Den Delinquenten mit lauter Stimme entsprechend zu instruieren ist offensichtlich ausreichend in dieser merkwürdigen Welt.

Um zum Obersten Noturierten vorzudringen, ist Atlan bereit, die Mühlen der Bürokratie zu durchlaufen. Aber er erkennt schnell, dass das nichts bringt. Er schaltet auf härtere Überzeugungsmethoden um und erhält so alle Papiere, die er vom Amt für die Einwanderung von Aliens (oder so) benötigt. Und marschiert damit direkt zum Hafen, wo er sich von einer halb zerfallenen Fähre namens WUNDERBAR übersetzen lässt.

Auf der Insel gehen sie zum Palast. Kalarthras kann es nicht begreifen, aber auch der ist vollkommen zerfallen. Er beginnt, in den Trümmern zu wühlen, während Gorgh auf ihn aufpasst. Atlan geht derweil zum obersten Noturierten, von dessen Stellvertreter er empfangen wird. Der scheint verletzt. Aber auch in einer anderen Welt. Die Wesen auf der Insel sehen alle die Realität nicht mehr, in ihren Augen ist der Palast nach wie vor prächtig und wunderschön.

Der Oberste Noturierte erweist sich als gnadenloser Zaquoor, der dem Stellvertreter nicht nur in die Hand geschossen hat, sondern ihn auch vor Atlans Augen erschießt. Der Arkonide ist gefangen, aber er wehrt sich. Und auch Kalarthras setzt sich gegen die Zaquoor zur Wehr. Schließlich treffen sie sich außerhalb des Gebäudes wieder und begeben sich in einen Geheimgang, den Kalarthras unter dem Palast anlegen ließ und der von einer gewaltigen Metallplatte verschlossen war.

Jetzt führt sie der Gang - wieder verschlossen durch die Platte - in das geheime Versteckt des Varganen, einer unterirdischen Überlebensstation mit Tiefschlafanlagen. Von dort aus alarmieren sie Kythara, die sie abholen soll. Die gegnerischen Flotten sind schon wieder auf dem Weg, als wollen sie mit dem Transmitter flüchten. Zuvor aber übergibt Kalarthras, der offensichtlich verstanden hat, dass sein Experiment auf Cramar gescheitert ist, alles Wissen und alle Möglichkeiten an Fisker. Er bittet ihn, den Versuch zu unternehmen, seine Welt zu retten, deren Gleichgewicht ziemlich fragil ist. Da die Varganenabkömmlinge alle gewaltlos leben und Widerstand nahezu unbekannt ist, könnte ziviler Ungehorsam hier eine Menge bewirken. Aber wie er vorgeht, das überlässt er Fisker - und Flink, die von Kythara mitgebracht und ebenfalls über den Transmitter in die Station transferiert wurde.

Dann verschwinden sie schleunigst von dieser Welt.

Fazit

Kafkaesk ist eine Beschreibung, die ich für den Roman von Michael Marcus Thurner schon gelesen habe, was sicher zutreffend ist. Irgendwie wirkt es auch wie eine Variation von Brasil, der Utopie von Terry Gilliam, in der er ebenfalls einen Staat beschreibt, der ziemlich grau daherkommt und von Beamten dominiert wird.

Oder auch an den Asterix-Band Kampf um Rom, in dem es ein Gebäude gibt, das Leute verrückt macht und das zu den zehn Aufgaben gehört, denen Asterix und Obelix sich stellen müssen. Die Lösung ist dort letztendlich ganz einfach - das System zerstört sich selbst, indem Asterix einfach nach einem Formular fragt, das es nicht gibt und sich dabei auf eine Vorschrift beruft, die es ebenfalls nicht gibt. Weil das ganze Gebilde viel zu komplex ist, kann niemand verifizieren, was dahintersteckt und schließlich bricht das System zusammen.

Kurt Tucholsky hat einmal sinngemäß geschrieben, in der Satire sei alles erlaubt. Von diesem Freiraum macht Michael Marcus Thurner auch reichlich Gebrauch, denn als Satire kann man den vorliegenden Roman durchaus beschreiben. Etwa 20 Millionen Freiberufler, die an die 1,5 Milliarden Beamte ernähren müssen und mit ihrer Produktivität die Machbarkeit dieses Lebens sicherstellen müssen. Natürlich sind das viel zu wenige, eigentlich bräuchten sie viel mehr. Deshalb auch das System, das Fehler unnachsichtig bestraft - aber gleichzeitig Freiberufler in eine Ecke drängt, in der niemand wirklich sein möchte. Entsprechende Ausbildung tut ihr übriges. Die Kinder werden bereits aus ihrem Kontext gerissen, bevor sie überhaupt richtig verstehen, wer ihre Eltern und wie ihre Umwelt ist, dann werden sie vom System gnadenlos ausgebildet und auch später gibt es keine Freiräume. Das Jahr ist in 140 Tage aufgeteilt, von denen 127 zum Arbeiten da sind. Der Rest - immer nach 10 Tagen - ist der Hausarbeit und den Studien gewidmet, auch an diesen Tagen hat man also keine Freizeit. Dementsprechend gibt es z.B. auch keine Hotels - wer würde schon auf die Idee kommen, außerhalb der eigenen vier Wände übernachten zu wollen?

Insgesamt ist das System in sich durchaus stabil - so lange es keine störenden Faktoren gibt. Wie zum Beispiel ein Arkonide, der in das Beamtenidyll eindringt und ihm die Maske vom Gesicht reist - ein Idyll ist diese Welt nämlich kein bisschen. Sie ist ziemlich erschreckend und eine Utopie, die hoffentlich niemals Wirklichkeit wird.

Andererseits ist sie das teilweise ja schon. Es gibt Verwaltungstheoretiker, die festgestellt haben, dass sich ein Beamtenapparat zu einem großen Teil ziemlich sinnlos selbst beschäftigen wird - wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt. Und genau das ist auch Gegenstand dieses Romans. Auch bei uns gibt es so etwas also durchaus.

Allerdings ist diese Welt nur so lange im Gleichgewicht, wie alle ihren Platz in ihr akzeptieren. Der Samen für eine Revolution wurde von Atlan und von Kalarthras gelegt. Sobald die Bewohner in der Lage sind, ihren genetischen Nachteil auszugleichen und irgendwie zu substituieren, wäre das Ende dieser Form der Gesellschaft gekommen. Für Cramar und seine Bewohner wäre es jedenfalls eine Erlösung.

Die Einbettung dieses Romans in den Gesamtkomplex des Zyklus - oder besser seines Abschnittes - ist eigentlich schnell bewertet. Sie ist eigentlich nicht vorhanden. Wiederum ein Ausflug zu einer Welt, die kaum eine Rolle spielt, auf der man kurz eine Begegnung mit den Zaquoor hatte, auf der man das Raumschiff wieder in Ordnung bringen kann und nach dem Aufenthalt fliegen wir in die nächste Raumschlacht. Dass Atlan lebend gefangen werden soll, wissen wir ja schon. Ein Lückenfüller reinsten Wassers, allerdings mit Sicherheit kein Spamroman, denn er gehört nicht zu der Sorte, die man eigentlich gar nicht lesen will. Im Gegenteil - er ist ein Vergnügen, ein spaßiger Roman, mit einigen kleineren Widersprüchen, die allerdings im Kontext verzeihlich sind. Bei einer Satire muss man nicht alles auf die Goldwaage legen.

Schön ist jedenfalls, dass Atlan den Ausflug als überflüssig ansieht und am liebsten direkt zum Regierungssitz fliegen würde. Schön auch, dass Gorgh die Sache ebenfalls realistisch sieht. Nur Kalarthras treibt quer, weil er auf der Suche nach seinen Erinnerungen ist. Nun ja, immerhin eine Begründung. Außerdem muss ja auch das Schiff dringend überholt werden, ein wenig Zeit haben unsere Helden allerdings.

Und sie erkennen auch recht schnell, dass sie das System beugen müssen, um ans Ziel zu kommen. Das man sicher auch ganz ohne Umwege erreicht hätte. Aber dann wäre es kein solches Vergnügen gewesen.

Dass die Zaquoor dahinterstecken, ist allerdings schon fast zu erwarten. Macht aber nichts, angesichts der lesbaren Story, die Michael Marcus Thurner abliefert. Übrigens auch interessant - bei den letzten Romanen hätte man die Zusammenfassungen auch auf einen Bierdeckel gekriegt. Bei dem vorliegenden Roman wäre das aber schwierig, er steckt so voller Ideen, die man gar nicht alle wiedergeben kann. So muss ein guter Roman sein - spannend, unterhaltsam und witzig.

Trotz einiger kleinerer Widersprüche, ist die Story ein Highlight in diesem Zyklus - der solche bisher eher nicht aufzuweisen hatte. Ein klares SEHR GUT.

Der Dunkelstern

1. Das Ewige Leben der Garbyor
2. Der letzte Kampf der Erysgan
3. Im Zeichen des Bösen
4. Kontakt auf Alarna
5. AMENSOON in Not
6. Die Varganen von Cramar
7. Angriff der Togronen
8. Fluchtpunkt Craddyn
9. Im Bann des Dunkelsterns
10. Vorstoß nach Kopaar
11. Chaos im Miniaturuniversum
12. Endstation Anaksa

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